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2. Dez
Sam

Innen-Politik: Diskriminierung der Sprache

Aufmacher

Aus aktuellem Anlass ein Merksatz aus der deutschen Grammatik: Genus ist nicht gleich Sexus.

Das Problem

Das grammatikalische Geschlecht (Genus) wird gern mit dem natürlichem Geschlecht (Sexus) gleichgesetzt. Das scheint naheliegend, schließlich heißt es “der Mann” und “die Frau”.

Allerdings liegt dieser Annahme ein durchaus übersehbarer Fehler zugrunde: Das Geschlecht eines Begriffes ist eben nicht zwangsläufig identisch mit dem Geschlecht des beschriebenen oder benannten Objektes bzw. Subjektes. In der Tat handelt es sich bei “der Mann” und “die Frau” um Sonderfälle, in denen Genus und Sexus übereinstimmen – der Mann ist männlich, die Frau weiblich.

Dass dies nicht verallgemeinerbar ist, wird an mehreren Stellen offensichtlich. Zunächst einmal besitzt die deutsche Sprache drei Genera: Das Maskulinum (der), das Femininum (die) und das Neutrum (das). Dem gegenüber stehen jedoch lediglich zwei biologische Geschlechter: das Männliche und das Weibliche. Dazu kommt, dass der Genus eines Wortes überhaupt nur dann mit dem Sexus übereinstimmen kann, wenn es sich um belebte Wortgegenstände handelt: Menschen, etwa, Tieren oder Pflanzen. Da ein Fahrzeug kein biologisches Geschlecht besitzt, müsste es der Annahme Genus=Sexus zufolge mit dem Neutrum gekennzeichnet sein. Das stimmt für “das Auto”, nicht jedoch für “den Lastkraftwagen” oder “die Straßenbahn”.
An dieser Stelle wird deutlich, dass die umgekehrte Betrachtung ebenfalls nicht zum Ziel führt: “die Bahn” ist nicht geschlechtlich weiblich, “das Mädchen” nicht geschlechtlich neutral und “der Mensch” nicht zwangsläufig männlich.

In der Tat ist es so, dass es in der deutschen Sprache keinerlei Regel(n) gibt, die eine Ableitung des grammatischen Geschlechtes auf das Natürliche ermöglichen.

Androgynität: Generische Begriffe

Androgynität, bedeutet, das weibliche und männliche Geschlecht in sich zu vereinen. Die deutsche Sprache umfasst eine beachtliche Zahl androgyner Worte; sie besitzen einen der drei Genera (männlich, weiblich oder sächlich), bezeichnen oder umfassen aber sowohl männliche, als auch weibliche Objekte. Im Folgenden einige Beispiele:

Maskulinum Femininum Neutrum
der Mensch die Person das Kind
der Gast die Persönlichkeit das Individuum
der Flüchtling die Waise das Geschwister

Substantivierungen und der Plural

Eine weitere Eigenschaft der deutschen Grammatik ist, dass Substantivierungen eines Verbes, sofern sie auf -er enden, automatisch einen männlichen Genus haben – “der Leser”, “der Sprecher”, “der Lehrer”, “der Schüler” – aber ausnahmslos sexusunmarkiert, androgyn, sind. Ein Mensch, der liest, ist ein Leser; Ein Mensch, der spricht, ein Sprecher; Ein Mensch, der lehrt, ein Lehrer und einer, der sich schult, ein Schüler. Ähnlich verhält es sich mit dem Plural eines Begriffes: “Die Anwesenden”, “die Menschen”, “die Gegenstände”. Er ist immer weiblich, ermöglicht jedoch keinen Rückschluss auf den Sexus.
Eine Aufteilung jener Substantivierungen in männliche und weibliche Formen ist demnach zwar möglich und vielleicht auch höflicher, allerdings in Hinsicht auf die Genauigkeit der Aussage überflüssig; anders gesagt: “Sehr geehrte Zuhörer und Zuhörerinnen” ist dasselbe wie “Sehr geehrte Zuhörer”. Das Resultat daraus ist allerdings ein recht schwerwiegendes: Während eben jene Aufteilung oder explizite Nennung gefordert wurde, um den (vermeintlichen) Sexismus der Sprache zu vermindert, führt er eigentlich erst dazu, dass sich selbiger in der Sprache verbreitet. Es ist ungefähr dasselbe, als würde man die Menschen bei einer Rede nach ihren groben Hautfarben aufzählen: “Sehr geehrte Schwarze und Weiße”, anstatt: “Sehr geehrte Menschen”.
Der Artikel “Sprachzerstörung aus Konzilianz”[1] weist weiterhin darauf hin, dass die Argumentation, man wolle bei der Nutzung einer generischen Form wie ‘Mitbewohner’, ‘Bürger’ oder ähnlichem “nicht bloß mitgemeint” sein, hinfällig ist, da beide natürlichen Geschlechter – männlich und weiblich – hier ‘bloß mitgemeint’ sind. Wer sich infolge eines generischen Begriffes nicht angesprochen oder gar benachteiligt oder ausgeschlossen fühlt, ist demnach selbst schuld.

Wem das alles nichts ist, der ist noch immer frei, je nach Anlass inhaltlich unbelastete Formen zu verwenden: “Sehr geehrte Damen und Herren”, etwa, oder “Sehr geehrte Anwesende”, um ein paar Beispiele zu nennen. Eine Pflicht dazu besteht allerdings nicht.

Benachteiligung in der Sprache

Oftmals wird der Eindruck geweckt, die deutsche Sprache benachteilige die Frau. Eine Argumentation dafür ist die bereits widerlegte, offenbare Übereinstimmung von Genus und Sexus und die daraus übersehenen Genera.

In der Tat ist genau das Gegenteil der Fall: Da der männliche Genus oftmals mit der generischen Form übereinstimmt, muss, möchte man auf das männliche Geschlecht hinweisen, dieses explizit erwähnt werden. “Der Antragsteller”, etwa, ist erst dann zweifelsfrei als männlich erkennbar, wenn es “der männliche Antragsteller” ist. Anders ist die Lage dagegen, wäre “der Antragsteller” weiblich: Hierfür ist die weibliche Endung “-in” vorgesehen. Nun ist “die Antragstellerin” zweifelsfrei weiblich, “der Antragsteller” allerdings nicht zweifelsfrei männlich. Die Frau ist sprachlich klar bevorzugt.

Das unfreundliche Mädchen

Vor kurzem erst habe ich im Rahmen der Vorarbeit den Vorwurf gehört, es gäbe zwar eine männliche Form für heranwachsende Männer – “der Junge” – die Form für heranwachsende Frauen wäre jedoch sächlich, statt weiblich – “das Mädchen”. Bezogen auf die Beispiele ist das zweifelsfrei richtig, global betrachtet stimmt es allerdings nicht.

“Das Mädchen” ist nur deswegen vom neutralen Genus, weil es sich bei der Form “Mädchen” um ein Diminutiv handelt, eine Verkleinerungs-, Verniedlichungs- und/oder Koseform. Das Diminutiv ist im Deutschen immer sächlich, egal ob er durch “-chen” gebildet wird oder “-lein”; “Das tapfere Schneiderlein” war, wie wir wissen, ein Mann.
Warum Mädchen und Junge? Nun ja: Würde man “Bube” statt “Junge” sagen, wäre die Lage ausgeglichener, dann hieße es “das Bübchen”. Oder anders gesagt: Es wäre auch legitim, “die Magd” sagen, wenn man das Mädchen meint. Allerdings gilt diese Form heute fast als veraltet.
Ich vermute, bei der Bezeichnung “der Junge”, es handelt sich um eine Substantivierung des Adjektives “jung” in “der junge Mann”. Konsequenterweise wäre es nicht minder legitim “die Junge” zu sagen, wenn man von einem Mädchen spricht; Nur, dass es sich eben auch diese Form sprachhistorisch nicht durchgesetzt hat.
In der Tat hat der weibliche Genus das Neutrum bei der Frau allerdings abgelöst: Hieß es früher noch legitim “das Weib”, wie es auch heute noch dem englischen mit “wife” gebräuchlich ist, ist man heute bei “die Frau” angelangt.

Hundkatzemaus

Nehmen wir noch einmal ein paar Beispiele aus der Tierwelt. Der Begriff der “Katze” hat einen weiblichen Genus, trifft aber keine Aussage über den tatsächlichen Sexus des Tieres – jedenfalls, wenn man die biologische Familie der Katzen meint. Der Begriff der “Katze” ist nicht sexusmarkiert, denn: Die Kater Merlin und Lukas sind Katzen, wie es auch die Kätzinnen Anjuschka, oder Felizitas sind. Erst eben jene Begriffe des Katers oder der Kätzin weisen auf den Sexus der “Katze” hin, das biologische Geschlecht.
Ähnliches gilt für den Begriff des Hasen; “Der Hase” als biologische Familie besitzt den männlichen Genus, bezeichnet aber sowohl das männliche Tier (“der Hase”; männlicher Sexus), als auch das Weibliche (“die Häsin”; weiblicher Sexus). Wer also vorgibt, “der Kater” zu sagen, wenn er die männliche Katze meint, sollte konsequent auch “die Häsin” sagen, wenn vom weiblichen Hasen die Rede ist.

Das Binnen-I

Als Abhilfe hat sich im selben Rahmen das sogenannte Binnen-I (Majuskel-I, sarkastisch auch Phallus-I genannt) ‘eingebürgert’. Es soll verhindern, dass Sätze durch das Anhängen von “/-innen” (Leser/-innen, Lehrer/-innen, Schüler/-innen, Anrufer/-innen, Kunden und Kundinnen) nahezu unlesbar werden. Die Trennungsstelle wird eliminiert und die feminine Form des Wortes, eingeleitet durch das großgeschriebene ‘I’, angehängt. Aus “Leser/-innen” wird “LeserInnen”, aus “Kunden und Kundinnen” wird “KundInnen”. Das, allerdings, ist nach den Regeln der deutschen Sprache, unzulässig.

Das hat den einfachen Grund, dass Großschreibungen im Deutschen lediglich zu Wortbeginn erlaubt ist, und zwar sowohl nach der alten, als auch nach der neuen Rechtschreibung. Es lässt sich außerdem anmerken, dass die Nutzung des Binnen-Is bewusst die Trennung zwischen Genus und Sexus ignoriert und damit nicht nur die Regeln der Grammatik übergeht, sondern die vermeintliche Diskriminierung, die mit dem Binnen-I verhindert werden sollte, stattdessen fördert und sogar eigene Regeln einführt.

Ein einfaches Beispiel hierfür ist, dass es eben LehrerInnen, SchülerInnen, ModeratorInnen und BürgerInnen gibt, aber keine TerroristInnen, MörderInnen, VergewaltigerInnen – oder VerbrecherInnen im Allgemeinen. Für negative belastete Begriffe scheint es lediglich den männlichen Sexus im Sprachgebrauch zu geben. Dazu kommt, dass es ebenfalls keine KatzInnen, HundInnen oder GegenstandInnen gibt, was ein weiteres Indiz dafür ist, das hier irgendetwas nicht stimmen kann.

Weiterführende Texte und Referenzen

Sehr ans Herz legen möchte ich jedem interessierten Leser (und natürlich auch jeder interessierten Leserin) die folgenden, zumindest aber die erstere der folgenden, Quellen.

  1. Sprachzerstörung aus Konzilianz
  2. Das Binnen-I (und weitere)

2 Antworten zu „Innen-Politik: Diskriminierung der Sprache”

  1. #1~Martin

    DANKE!!! Dieser Artikel hat mich in meiner Meinung bestärkt (Ich dachte mir immer nur, es klingt einfach blöd) und mich mit neuer Argumentationskraft ausgestattet.

  2. #2~Zobuzik

    Netten Aufsatz, den du da geschrieben hast. Er war eine nette Lektüre und argumentiert angenehm sachlich.

    allerdings solltest du beachten, dass eine Argumentation, die die momentane Sprachverwendung strikt durch ein Rechtschreibregelwerk interprätiert, das ignoriert, was schlussendlich Rechtschreibreformen bewirkt: Die durch Anwendung erlangte Lebendigkeit der Sprache. Diese Lebendigkeit wird durch verschiedene Reformen in den logischen Grammatikkanon übernommen, solange er einen gewissen Mindeststand von elementaren Regeln behält.

    So wird beispielsweise in einer Gesellschaft, in der sich die Individuen sehr stark durch und in ihrem Geschlecht identfizieren, die Vorstellung von männlichem, weiblichen und sächlichen Fällen, wesentlich anders aussehen, als wenn sich alle -als Menschen- ansehen (können). So ist es nachvollziehbar den “männlichen Fall” mit dem Fall von etwas Männlichem (in diesem Fall ein Mann) zu charakterisieren und zu deuten, während ein Begriff eines “männlichen genus” im rein abstrakten grammatikalischen Kontext, möglicherweise als bedeutungsleer erscheinen mag (genus kann ja auch mit Art gedeutet werden und ein “mensch” von männlicher Art ist ein Mann).

    Das Problem liegt also daran, dass gefühlsbezogenes Verstehen (Sprache als Ausdruck von Identität) in gewisser Weise intuitiv abläuft und dadurch zuallerersteinmal unabhängig von den nachträglichen, abstrakten Bestimmungen der Grammatik bleibt. Was ich damit meine ist, dass ein Satz zuerst einmal seiner Bedeutung nach interprätiert wird, deren elementare Erlangung nicht unbedingt auf der komplett korrekten Anwendung von Grammatik basiert. (so verstehen wir wohl auch die Bedeutung des Satzes “fahren ich mit den Bus” obwohl der Satz grammatikalischer Horror ist.)

    Damit will ich nicht die Bedeutung einer intakten Grammatik klein reden, sondern eine Möglichkeit zeigen jene angesprochenen Verfahren nachvollziehen zu können.